Hommage à Antonio Vivaldi - Music sacra

antonio.jpg

Antonio Vivaldi, einer der bis heute wichtigsten Großmeister des Hochbarock, starb 63-jährig am 28. Juli 1741 in Wien, nur zehn Monate nach seiner Ankunft in der ehrwürdigen Hauptstadt des Habsburgerreiches. Es lag wohl am plötzlichen Tod Kaiser Karls VI., dass er trotz nicht ganz unberechtigter Hoffnungen bei Hof keine Anstellung erhalten hatte und auch andere mögliche Arbeitgeber abwinkten: Die Blüte des Hochbarock war um 1730 schon im Welken begriffen. Und wiewohl Vivaldis musikalischer Erfindungsgeist auf neue, unbekannte Nuancen gekommen war, gelang es ihm nicht, aus den zunehmend erstarrenden Denkweisen barocker Formgebung und Konvention herauszutreten. Das ästhetische Empfinden mochte sich gewandelt haben, Vivaldi jedoch hielt an den Idealen seiner Erfolgszeiten am Beginn des 18. Jahr- hunderts fest. Das ruhmlose Ende eines ruhmreichen Künstlers und Virtuosen vollzog sich still und leise in den Straßen einer Stadt, deren Musikleben bereits den Geist der Vorklassik atmete.

So ähnlich soll es sich zugetragen haben. Doch was wäre gewesen, wenn die Ereignisse an einer der unzähligen Weggabelungen seines Lebens eine andere Richtung eingeschlagen hätten? An diesem Konzertabend wollen wir uns dem müßigen Gedankenspiel hingeben: der spielerischen Freude am Phantastischen wegen – und auch, um diesem Meister zumindest für einen Abend jene große Bühne zu gewähren, welche er in Wahrheit nie hatte betreten können.

Zur Durchführung unserer gedanklichen Geschichtsfälschung begeben wir uns in das Jahr 1715. Damals wirkte Vivaldi in Wahrheit gerade als maestro di viola all’inglese am venezianischen Ospedale della Pietà, einem Waisenhaus für Mädchen, das für seine musikalische Exzellenz bekannt war. In Wien aber wechselte Johann Joseph Fux, der bisherige 1. Kapellmeister des Stephansdoms, in die Position des kaiserlichen Hofkapellmeisters. Die dadurch frei gewordene Stelle wurde von Georg Reutter d. Älteren übernommen, einem Mann, der eigentlich nur durch seinen Schüler Joseph Haydn zu historischer Bedeutung gelangt ist. Er möge uns verzeihen, dass wir ihn für diesen einen Abend von seinem Platz in den Annalen entfernen und uns stattdessen erlauben, die historischen Tatsachen vollkommen nach unserem Geschmack zu verdrehen. Was, wenn damals der 37-jährige „prete rosso“, der rothaarige Priester Antonio Vivaldi Domkapellmeister an St. Stephan geworden wäre? Welch venezianische Pracht hätte im Zentrum der habsburgischen Macht Einzug gehalten? Auf diese höchst hypothetische Frage wollen wir an diesem Abend eine ebenso spekulative Antwort wagen. Tauchen Sie also mit uns ein in ein ebenso prächtiges wie frei erfundenes Glanzstück sakraler Repräsentationskunst, wie es so vielleicht stattgefunden haben könnte – wäre alles ganz, ganz anders gekommen.